Der Entstehungsprozess der Textilcollagen


 
Meine Werke entstehen und wachsen langsam. Es ist eine sehr aufwendige Art des Arbeitens, denn am Anfang stehen unbearbeitete textile Rohmaterialien wie Leinen, Seide, Baumwolle, welche mittels verschiedener Verfahren bearbeitet werden. Es ist also ein Arbeiten von Grund auf.
Die Textilien werden bedruckt, gefärbt, bestickt und es haben sich in den vergangenen Jahren durch Experimentieren verschiedene neue Techniken der Bearbeitung entwickelt. Eine besondere Rolle spielen dabei Methoden des gesteuerten Zufalls.  Auf diese Art entstehen Muster und Formen, die an Mikrostrukturen in der Natur erinnern.
Schließlich werden einzelne Partien daraus zu neuen Gebilden verbunden.
Dies geschieht einerseits durch Nähen, vorwiegend aber durch Verkleben und dieser Vorgang erfordert großes handwerkliches Geschick, will man eine glatte Oberfläche erreichen. Durch die Schichtung der Materialien entsteht die Wirkung von  Transparenz und Tiefe. Dabei sind mehr als fünf Schichten übereinander keine Seltenheit.
Ein gewünschter Nebeneffekt ist die teppichartige biegsame Dicke der Werke, die auch unregelmäßig geformten Arbeiten ausreichend Stabilität gibt, was für die Aufhängung wichtig ist.
Lineare Elemente tauchen fast immer in genähter oder gestickter Form auf.
Das bedeutet, dass Fäden in meinen Werken die zeichnerische Funktion übernehmen und oft wie „Stromlinien“ wirken. Auch aus ihrem ursprünglich ornamentalen Zusammenhang gelöste Spitzenpartien liefern lineare Strukturen, deren Detailreichtum an mikroskopische Aufnahmen erinnert.
Handwerkliche Perfektion ist die Grundvoraussetzung für diese Art der Kunst. Durch die Beherrschung der  Mittel wird künstlerischer Ausdruck erst möglich.




Würdigung des ersten Kunstpreises anlässlich der Ausstellung 
'Kunst 2010 im Landkreis Ravensburg'



Gabriele Janker-Dilger macht Textilkunst - eine Gattung, die im Ranking der künstlerischen Techniken eher am Rande steht, weil meist die Technik über die Gestaltung und den Inhalt dominiert. Aber das ist ein unbegründeter Hochmut - denn Kunst kommt von Können. Kunst ist Arbeit, Arbeit am Material und Arbeit am Gedanken. Fleiss und Perfektion sind ihre Voraussetzungen wie für jedes gelungene Werk.

Gabriele Janker-Dilger wurde von der Jury der erste Preis zuerkannt, weil sie mit ihren genähten Werken ein Beispiel gibt, wie Leben materialverwandelnde Arbeit ist, wie Perfektion das Menschenwerk auszeichnet.

In dieser Beispielhaftigkeit ihrer Näharbeit lässt sie schließlich die Technik weit hinter sich, um sich ganz dem Gestalteten zu widmen. Ihr Thema ist Kosmisches: Kosmos heisst bei den alten Griechen Ordnung und Schmuck zugleich. Denn aus der Ordnung erwächst das Schöne. Sie entsteht aus dem Chaos und fügt sich zur Form des umfassenden Ganzen. Sie wird zum Gesetz des Weltalls. Janker-Dilgers Bilder zeigen, wie Kosmisches aus dem Chaos herauswächst und zur dauerhaften Ordnung wird. Diese Ordnung waltet im ganz Großen, wie dem All, sie waltet auch im Kleinen, dem Mikrokosmos, wie den Organen des Lebendigen, also in uns selbst. Dieses Kleine im Großen und dieses Große im Kleinen, beides ununterscheidbar an dasselbe Gesetz gebunden, das stellt uns die Künstlerin bildhaft vor Augen. Und sie kehrt mit ihrem Gedanken zurück zu einer der ursprünglichsten Arbeiten, dem Nähen, das immer auch zugleich Schmücken gewesen ist.


Dr. Ursula Zeller, Friedrichshafen, für die Gesamtjury
Dr. Andrea Jahn, Friedrichshafen
Dr.phil. Rudolf Sagmeister, Bregenz





Mikrokosmos III,  2009
 
 
Mit Hilfe von Mikroskopen können wir in eine Welt vordringen, die sonst für unser Auge verschlossen bleibt. Kleinste Zellen werden sichtbar, feinste Härchen, das Gerüst von Vogelfedern, Blattoberflächen, die Augen von Insekten, Bakterien, die Pollen einer Blüte, die Schlieren einer Flüssigkeit. Immer wieder sind die Betrachter begeistert von der Schönheit und dem Formenreichtum der Natur. Die starke Vergrößerung ermöglicht den Blick auf bezaubernde Muster und Ordnungen, die uns immer aufs Neue überraschen.
Gabriele Janker Dilgers Arbeiten erinnern uns stark an solche Bilder der Natur. Doch die Künstlerin „erfindet“ solche Ordnungen selbst. In einer von ihr entwickelten, raffinierten Technik schafft sie aus unterschiedlichsten Stoffen, die sie teilweise selbst einfärbt, dann ausschneidet und beklebt, eine ganz eigene Welt. Manche Stellen wirken wie Satellitenaufnahmen von Bergen, andere lassen an stark vergrößerte Kleinstlebewesen denken.
Das Bild scheint ständig in Bewegung, Dinge fließen zusammen, überdecken sich, je näher wir hinsehen, desto mehr können wir entdecken. Doch es erschließt sich nie vollständig:
Zu raffiniert sind die Teile miteinander verwoben, geschichtet und vernetzt. Die feinen bunten Fäden wirken wie Verbindungsstränge, wie Drähte, die alles zusammenhalten wollen. Dazwischen schweben kristallartige Sterne. Es wimmelt von Einfällen. Gabriele Janker Dilgers Kopf ist voll davon. Jedes ihrer Stoffbilder hat ein eigenes Thema. Beim Bild „Mikrokosmos“ ist es die Kleinstwelt der kaum sichtbaren Dinge; wie in der Natur, so finden sich auch hier keine geraden Linien, der genähte Rahmen des Bildes hat eine freie Form.
Im „Urkontinent Pangea“ sehen wir die Erde, wie sie aus dem Weltall vor vielen Millionen Jahren vielleicht aussah: Die fünf Erdteile sind noch miteinander verschmolzen, aber schon unterscheidbar. Eine Fülle von Farben verrät Leben auf dem Planeten, manche Muster wiederholen sich in den anderen Teilen des Urkontinents. Die Künstlerin weist uns mit den Bildern darauf hin, dass alles miteinander zusammenhängt, von einander abhängt. Wer genauer hinsieht, entdeckt überall die Spuren von Mustern und Ordnungen. Wie in der wirklichen Welt, so herrschen auch in der Welt der Bilder Ordnungen und Gesetze – im Großen wie im Kleinen. Es ist die Kunst Gabriele Janker Dilgers, solche Ordnungen immer wieder neu zu erschaffen.
 
 
Prof. Martin Oswald, Weingarten
 
(Aus dem Katalog der Ausstellung Schaumal! auf Schloss Achberg, 2011)